Generalversammlung
28 mai. 2008
Die Ideenbrutstätte CSEM wirkte offenbar
als Magnet. An die 50 swiss vacuum Mitglieder folgten der
Einladung an die Generalversammlung nach Neuchâtel,
wo das Centre Suisse d’Electronique et de Microtechnique
SA seine Tore öffnete. Im Anschluss an die Generalversammlung
lernten die Vakuumfachleute in Referaten Neues aus der Schweizer
Solartechnik kennen. Ein Rundgang durch die CSEM-Labors
für Qualitätskontrolle, Tests, Mikrofabrikation
und Mikroskopie erlaubte ihnen zudem, einen Blick hinter
die Kulissen innovativer Forschung und Entwicklung zu werfen.
Das Photovoltaik-Labor am Institut für
Mikrotechnik
Seit Oktober 2004 steht das Institut de
Microtechnique (IMT) der Universität Neuchâtel
unter den Fittichen von Professor Christophe Ballif. Er
leitet zudem das Photovoltaik-Labor, 1985 gegründet
vom Solarzellen-Spezialisten Professor Arvind Shah. Hier
entstehen einerseits Dünnschichtzellen aus amorphem
und mikrokristallinem Silizium auf Glas oder Kunststoff,
sowie Heteroübergangs-Zellen, eine Kombination von
amorphen und kristallinen Zellen. Sie vereinen die Vorteile
von Dünnschicht- und kristallinen Zellen, brauchen
weniger Silizium, sind dünn und leicht, lassen sich
bei niedrigen Temperaturen herstellen, haben deshalb einen
geringeren Energiebedarf.
Industriepartner Oerlikon Solar produziert
in Trübbach Anlagen für grossflächige Solarmodule
basierend auf Dünnschichtsilizium sowie mikromorphe
Solarzellen. Das 2004 entstandene Forschungs- und Entwicklungslabor
Oerlikon Solar-Lab SA in Neuchâtel realisierte mit
dem IMT und dem Centre de Recherches en Physique des Plasma
(CRPP) der EPFL in einem KTI-Projekt einen Prozess zur schnellen
Abscheidung von mikrokristallinem Silizium mit KAI Plasmadepositionsanlagen.
Dazu nutzen die Forscher das Know-how von Dr. Christoph
Hollenstein am CRPP.
Christophe Ballif, der sich schon in den
USA mit erneuerbaren Energien beschäftigte und am Fraunhofer
Institut für Solarenergiesysteme photovoltaische Materialien
und Solarzellen charakterisierte, möchte die Solartechnik
in der Schweiz neu beleben. Er fordert dazu die Decision
makers’ aus Wirtschaft und Politik zu mehr Engagement
und besseren Rahmenbedingungen auf. „Statt mit Geld
für Forschung und Marktentwicklung zu knausern, sollten
wir dem Beispiel aufstrebender Nationen folgen, wie Singapur“,
so Ballif. „Die Behörden beschlossen, dass Singapur
Weltspitze in Photovoltaik wird und investieren dafür
150 Millionen US $ über fünf Jahre. Ähnliches
geschieht in Taiwan mit Silizium-Dünnschichtzellen.“
Die „Sonnen-Inseln" von CSEM-Chef
Thomas Hinderling
Wie futuristische Visionen von Solartechnik
Gestalt annehmen können, zeigte Dr. Thomas Hinderling,
CEO des CSEM. In den Vereinigten Arabischen Emiraten realisiert
er derzeit für 7 Millionen US $ das erste Solar Island,
finanziert aus der Kasse arabischer Partner. Diese dereinst
auf der Meeresoberfläche schwimmenden Scheiben von
87 Meter Durchmesser sind mit solarthermischen Panels ausgerüstet,
welche Solarenergie kostengünstig in Elektrizität
oder Wasserstoff umwandeln. Dazu entwickelte das CSEM Spin-off
Nolaris SA eine neue solarthermische Technologie für
Panels, die dem Lauf der Sonne folgen und so einen optimalen
Einstrahlungswinkel gewährleisten. Die Panels sind
derart angelegt, dass Roboter relativ leicht die Oberflächen
sauber halten können. Der in der Wüste in einem
speziellen Kanalsystem gebaute Prototyp soll bis Ende 2008
in Betrieb gehen und die Machbarkeit von Thomas Hinderlings
Geistesblitz beweisen. Die Inseln werden rund um die Uhr
Strom liefern. „Die Spitzenleistung beträgt rund
0,8 MW bei einem jährlich Output von 11,6 GW/h“,
beziffert der Wissenschaftler die Performance. „Damit
ist es möglich, pro Jahr 1,2 Kilotonnen an CO2 einzusparen.“
Hightech für industriellen Markterfolg
Dr. Alex Dommann, CTO des CSEM, gab den
Vakuumfachleuten Einblick in die Aktivitäten des Unternehmens.
Kern der Tätigkeit sind Forschung und Entwicklung als
Basis für die Industrialisierung von Technologien.
Schwerpunkt ist Mikro- und Nanotechnologie. Als AG hat das
CSEM dieselbe juristische Form wie seine Industriepartner,
was die Kooperation vereinfacht.
Mit 20% grösster Aktionär ist
der Bund, der ein Drittel des CSEM-Budgets finanziert, gefolgt
von Kanton und Stadt Neuchâtel. Viele Aktionäre
sind Grossfirmen, besonders aus der Uhrenbranche, aber auch
etliche Banken. „Technologietransfer bedeutet Technologie
und Finanzierung“, erklärt Dommann diesen Aspekt.
„Das CSEM kreiert immer wieder Spin-offs und Start-ups.
Das ist interessant für die Banken, da die CSEM-Fachleute
das Risiko beurteilen können.“ Bisher entstanden
27 solcher Jungfirmen. „Heute arbeiten mehr unserer
Leute in Spin-offs als unter dem eigenen Dach“, so
der Festkörperphysiker, der am California Institute
of Technology und bei der NASA in Pasadena gearbeitet hatte.
Inzwischen schlug das CSEM seine Zelte
auch in anderen Landesteilen auf. Im Technopark Zürich
tüftelt eine 40köpfige Crew an Innovationen. Die
Niederlassung Alpnach am Fuss des Pilatus entstand auf Wunsch
der Innerschweizer Kantone. „Wir gehen dorthin, wo
unsere Kunden sind, wenn der betreffende Kanton die Basisfinanzierung
sichert.“ Das war der Fall in Landquart, wo seit dem
Jahr 2007 vier Forscher sich mit Oberflächen, Beschichtungen
und biologischen Systemen für Nanomedizin befassen.
Angepeilt sind 30 – 40 Mitarbeitende. „Um jedes
Zentrum entsteht ein Einzugsgebiet mit potenziellen Partnern“.
Für Landquart ist dies vor allem das AO Forschungsinstitut
Davos für Beschichtungen. Erst kürzlich startete
eine strategische Zusammenarbeit mit der Ciba Basel für
organische Optoelektronik, Mikro-, Nano- und Dünnfilmtechnologie,
wozu das CSEM 27 seiner Leute auslagerte.
Stark dank starken Partnern
Eng verknüpft ist das CSEM mit der
ETHZ, Universitäten und Fachhochschulen, jedoch vor
allem mit dem IMT und der EPFL. Mit der geplanten Integration
des IMT in die EPFL soll am Standort Neuchâtel ein
europäisches Zentrum für MEMS (Micro-Electro-Mechanical
Systems) entstehen, das den Draht zur Industrie dynamisiert.
„Soeben nahmen wir eine, small volume production’
auf, wollen nun Analytik und Quality Control ausbauen, damit
wir gewisse Prototypen selbst herstellen und charakterisieren
können“, erläutert Alex Dommann, der international
renommiert ist für seine Beiträge in der Halbleiterstrukturierung
und neuen Beschichtungsverfahren. Der Draht zur Grundlagenforschung
der EPFL ist besonders wichtig. „Wir müssen immer
wieder Neues in die Pipeline stecken, damit wir unseren
Partnern aus der Privatwirtschaft aktuellste Technologien
anbieten können.“ Ein Beispiel dafür ist
die Herstellung von Uhrenelementen wie Unruhe, Anker oder
Hemmrad aus monokristallinem Silizium, ein antimagnetischer
und korrosionsfester Werkstoff, der jeglicher Verformung
trotzt. Die CSEM-Siliziumtechnologie setzt nun Glanzlichter
in einer limitierten Serie von Luxus-Uhren der Patek Philippe.